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Schwarzheide trauert

Schwarzheide, den 18. 12. 2020

Tief erschüttert und bestürzt haben wir zur Kenntnis genommen, dass der Ehrenbürger der Stadt Schwarzheide, Dr.-Ing. Sokrates Giapapas im Alter von 83 Jahren verstorben ist. Wir nehmen Abschied von einem großartigen Mann, unserem Sokrates, und erweisen ihm die letzte Ehre. Wir sagen Danke unserem Freund und Wegbegleiter! Freundschaft mit Sokrates zu schließen war sehr einfach – man könnte sagen, Sokrates war ein Experte darin, neue Freunde zu gewinnen und für sich einzunehmen. Sokrates Giapapas, dieser außergewöhnliche Mann, der in Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie ebenso zu Hause war, wie in den Geisteswissenschaften, hinterlässt tiefe Spuren in unserer Stadt und in unseren Herzen. Egal, welches Thema Gegenstand von Diskussionen war, Sokrates erwies sich stets kenntnis- und ideenreich und das in jeder Thematik. Es machte Spaß mit ihm zu reden, zu diskutieren und zu debattieren. Er inspirierte einfach jeden, wenn es galt Projekte voranzutreiben. Er war ein überdurchschnittlicher Mensch, ein wahrer Liebhaber und Könner des Lebens. Obendrein begeisterter Jäger, ein Liebhaber der Natur und der schön geistigen Künste. Es wird schwer, künftig unseren Weg ohne ihn weiter zu beschreiten – er wird uns fehlen, und zwar in Gänze.

 

Rückblick

Seine Jahre waren erfülltes und spannendes Leben zugleich. Geboren in einer der schönsten Städte der Welt – in Athen – in der Stadt der alten Griechen. Im Altertum war sie die Hauptstadt von Attika und geistiger Mittelpunkt Griechenlands. Sie ist die Heimstadt der weltweit bekannten Akropolis. Und sie ist die Stadt, in der Sokrates Wurzeln liegen. Aufgewachsen ist er als Sohn eines Schmirgelpapierfabrikanten; vor 64 Jahren kam er nach Deutschland. In Berlin absolvierte er das Studium als Verfahrenstechniker mit der Spezialisierung Kunststoff. Diese Entscheidung prägte seine gesamte berufl iche und persönliche Entwicklung und führte ihn 1996 mit 59 Jahren nach Schwarzheide. In einem Alter, in dem Andere, die Meisten, an ihre Rente denken, hat er hier in Schwarzheide mit dem Aufbau eines Werkes begonnen – mit dem Aufbau seiner Fränkischen Rohrwerke. Im Januar 1997 begann er mit einer kleinen Halle, einem Zelt und sieben Mann. Was folgte, war der beispiellose Aufstieg der Fränkischen Rohrwerke zu einem expandierenden, fl orierenden Unternehmen mit Millionenumsätzen. Das war seine erste große Erfolgsgeschichte hier in der Lausitz. Und es sollte nicht die Letzte bleiben. Dass er sich Schwarzheide als seine neue Wirkungsstätte ausgesucht hatte, war ein Glücksfall für unsere Stadt, ein Glücksfall für unsere Region, ein Glücksfall für so viele Menschen. Inzwischen hatte er bereits 24 Jahre hier in Schwarzheide verbracht. Er trug mit Stolz die deutsche Staatsbürgerschaft und wir sind stolz, dass er und seine liebe Frau Schwarzheide zu ihrer Heimat gemacht haben.

 

Seine Verdienste

Es ist fast unmöglich darzustellen, welch großer Gewinn Sokrates Giapapas für uns alle war. Seine Aktivitäten sind so breit gefächert, dass es einfach unmöglich ist, all seine Verdienste in ihrer Gesamtheit heute und hier zu würdigen. Henry Ford sagte einmal „Zusammenkommen ist ein Beginn, Zusammenbleiben ist ein Fortschritt, Zusammenarbeiten ist Erfolg“. Dieser Ausspruch könnte auch von ihm gewesen sein. Er charakterisiert sein Tun. Man könnte auch sagen „Sokrates dachte Zukunft“, weil es ihm stets um die weitere Entwicklung ging – egal um welches Projekt es sich handelte. Davon gab es Unzählige. Aber jedes einzelne Projekt lag ihm ganz besonders am Herzen. Er setzte immer wieder durch seine aktiven Initiativen und seine engagierte Arbeit hohe Maßstäbe an sich selbst. Zielstrebig, unerbittlich in seinen Ansprüchen, unbeirrbar und immer mit ganzer Kraft verlor er nie seine Ziele aus dem Blick, ging es ihm immer um die Menschen. Ein Projekt, an dem sein Herz hing, war XENOS – die Jugendolympiade für Offenheit, Toleranz und Chancengleichheit. Sie fand viele Male unter Beteiligung von Jugendlichen aus 11 europäischen Ländern hier in der Lausitz statt. Das Projekt zielte darauf ab, Auszubildenden die Vermittlung von sozialen und interkulturellen Kompetenzen als Zusatzqualifi kation im Rahmen der Ausbildung zu ermöglichen und sie durch selbständige Lernprozesse bei der Entwicklung einer offenen und toleranten Haltung gegenüber Fremden und eines demokratischen staatsbürgerlichen Bewusstseins zu unterstützen. Dies sollte sie dazu befähigen, als zukünftige Arbeitnehmer in einem europäischen Kontext erfolgreich und zielorientiert zu handeln und Individualität und Vielfalt im Berufl ichen und Persönlichen zu erleben und leben zu können. Diese Jugendolympiade, die er gemeinsam mit der WEQUA durchführte, ist sicher Vielen bekannt. Was für einige neu sein dürfte, ist die Tatsache, dass unser Sokrates bereits im Jahr 1960 einer der Fackelläufer bei den Olympischen Spielen in Athen war. Diese originale Fackel übereignete der Ehrenbürger zwischenzeitlich dem Emil-Fischer-Gymnasium, das sie nun in steter Erinnerung und Würdigung aufbewahren wird.Dass sein Herz und seine Liebe der jungen Generation gehörten, unterstrich er seit Jahren mit einer Vielzahl von Aktivitäten. Ob am Emil-Fischer-Gymnasium oder der ehemaligen Oberschule in Schwarzheide oder an den vielen anderen Schulen in der Region, man kannte ihn und wusste seine Hilfe zu schätzen. Ebenso bekannt war er an den Hochschulen – von Senftenberg bis Cottbus, von Dresden bis Berlin. Als Mitglied des Beirates des Fördervereins der Hochschule Lausitz hatte er bspw. vor dem Hintergrund, dass auch in der Kunststoffi ndustrie Fachkräfte gebraucht werden, den Master-Studiengang Kunststofftechnik mitentwickelt. Hierbei handelt es sich um einen weiterführenden Studiengang, der auf den ersten Studienabschluss, den Bachelor, aufbaut und die Studenten mit der Kunststofftechnik vertraut macht. Einen Teil der dafür notwendigen Ausrüstung an Maschinen, Experimentiergeräten und Formen, um mit Kunststoffen zu arbeiten und daran zu forschen, hat Sokrates für die Hochschule eingeworben. Ein weiteres Beispiel war die Unterstützung der Teilnahme am Shell Eco-Marathon Europe. Das Team der Hochschule, das waren 47 Studenten der Studiengängen Informatik, Kommunikations- und Elektrotechnik, Medizinische Technik und Wirtschaftsingenieurwesen unterstützt von mehr als 20 Professoren und Mitarbeitern der Hochschule Lausitz sowie von Sponsoren aus Wirtschaft und Politik. Durch seine Vermittlung ermöglichte es die Galatea GmbH dem Team, ein Modell zu bauen und im Anschluss daran eine Negativform bei der IMA GmbH Dresden. Die Studierenden konnten hierbei auf die Fachkompetenz der IMA, für die Entwicklung der tragenden Schale für die LaDy II zurückgreifen.Dr.-Ing. Sokrates Giapaps fungierte als Präsident des Zentrums für Entwicklung, Innovation und Technologie, er war Initiator zur Gründung des Kunststoff-Kompetenzzentrums und wurde im Jahr 2000 vom Wirtschaftsministerium offi ziell zum wissenschaftlichen Beirat berufen. Daneben fungierte er als Mitglied des regionalen Ausbildungsverbundes der TÜV – Akademie und unterstützte in hohem Maße die Ansiedlungsinitiative durch seine vielseitigen und weltweiten Kontakte in Zusammenarbeit mit der BASF Schwarzheide GmbH. Ebenfalls in Kooperation mit dem Kunststoffhersteller initiierte er das Netzwerk Integration der Wirtschaft und der Bildung mit dem Ziel der Heranführung von Schülern und Studenten an die wirtschaftliche Realität. Im Jahr 2005 beschlossen 7 Unternehmen aus Brandenburg, gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für Angewandte Polymerforschung, den seit 2003 als Netzwerk organisierten losen Verbund von Unternehmen der Kunststoffbranche in einen eingetragenen Verein zu überführen. Im Vordergrund stand eine zukunftsorientierte Struktur zum Erfahrungsaustausch und zur Kooperation mit Forschungseinrichtungen und Hochschulen zu schaffen. Zum Vorsitzenden gewählt wurde Sokrates. Er fungierte als Partner und Berater für das kreative Netzwerk in der Lausitz – eine Alternative zu herkömmlichen Firmenstrukturen. In einer bislang in der Lausitz einzigartigen Struktur etablierte das Netzwerk eine andere Herangehensweise an Marketing- und Werbeprojekte. Mit der lockeren Struktur eines Netzwerkes entstand ein Höchstmaß an Qualität für die gesamte Bandbreite der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Namhafte Akteure aus der Lausitz konnten bereits die Vorzüge der komplexen Arbeitsweise des Netzwerkes nutzen, so z. Bsp. die Stiftung Kunstgussmuseum Lauchhammer. Und in all diese Aufgaben investierte er sein Herzblut. Sein Engagement kannte einfach keine Grenzen. Als Botschafter 50 Plus war er seit vielen Jahren im Rahmen des Beschäftigungspaketes „ALTERnativen in der Lausitz“ Bundesprogramm „Perspektive 50plus – Beschäftigungspakte für Ältere in den Regionen“ aktiv unterwegs. Bei der Begleitung dieses Projektes als regionaler „Botschafter 50plus“ sah er sich als ehrenamtlich fungierenden Multiplikator, der in die Kommunikationsarbeit eingebunden war und sich regional tief verbunden fühlte. Weit über 200 Menschen konnte er zu einer neuen berufl ichen Perspektive verhelfen, darunter über 100 Personen, die das 50. Lebensjahr erreicht hatten. Vielen jungen Leuten vermittelte er eine Lehrstelle und leistete auch damit einen aktiven Beitrag für die Region. Die Liste seiner Verdienste in allen Bereichen kann man unendlich lange fortführen und mit zahlreichen Projekten und Erfolgen weiter untersetzen. Wenn jemand in so vielfältiger und nachhaltiger Weise tätig wird, dann hat er verdient, geehrt und gewürdigt zu werden. Und so wurde Dr.-Ing. Sokrates Giapapas im April 2004 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Schwarzheide verliehen. Die Stadt Schwarzheide ist stolz auf Ihren Ehrenbürger Dr.-Ing. Sokrates Giapapas.

 

Wir nehmen Abschied

Wir verabschieden uns mit Trauer in unseren Herzen aber voller Dankbarkeit, Sokrates Giapapas unseren Freund und unseren Ehrenbürger nennen zu dürfen. Aber was wäre ein Abschied ohne wenigstens auch zu erwähnen, dass er noch weitaus fassettenreicher war, als wir bisher betont haben. Denn in ihm steckte nicht nur der Verfechter wirtschaftlichen Wachstums oder der Förderer von Wissenschaft und Jugend – in ihm steckte auch ein Romantiker und Autor. Auch die Poesie gehörte zu seinem Leben. In Griechenland hatte er sehr erfolgreich bereits zahlreiche Gedichte veröffentlicht. Die Verse, so sagte er einst, lassen sich nicht ins Deutsche übertragen. Deshalb sei dieses seiner Talente hierzulande bisher eher unbekannt geblieben. Als Mitglied der Gesellschaft der Griechischen Autoren in Deutschland hat sich das geändert. Denn in seiner Kurzgeschichte »Immer in Bewegung« nahm er uns mit auf die Reise entlang seines Lieblingsfl usses Arachthos in seiner griechischen Heimat - von der Quelle bis zum Delta und durch die Zeit von der Antike bis in die Gegenwart. Und es ist ihm sehr gut gelungen, die Naturgewalt und unverwechselbare Schönheit der Landschaft, die Vergangenheit und ganz persönliche Momentaufnahmen sowie die Herzlichkeit der Menschen ebenso eindrucksvoll wie unterhaltsam aus der Rolle des Flusses heraus zu beschreiben. Aus jedem seiner Sätze sind die große Liebe zu seinen griechischen Wurzeln und die ausgesprochene Affi nität für die Menschen herauszulesen. Als Geist des Flusses ließ er sich mit Wissen, Güte und Herz nieder, um eine freundliche Zukunft mitzugestalten. Ganz so, wie er auch hier an der Schwarzen Elster für Bewegung gesorgt hat und unsere Zukunft mitgestaltet hat. Danke Sokrates!

 

 

 

Foto: Sonderseite Wochenkurier - Schwarzheide trauert

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